TONTRANSFERvon Jörg R. Stoffers, Sven Tepperwien und Dirk Berger
Sehr geehrte finger, mit Erstaunen stießen wir bei unseren Internet-Recherchen auf Ihren zusammen mit der NGBK ausgerichteten Wettbewerb »Evolutionäre Zellen« und beschlossen, uns daran zu beteiligen. Mit Erstaunen deshalb, da uns nicht bewusst war, dass unsere »evolutionäre Zelle« ein wertvolles Mitglied der künstlerischen Gemeinde sein könnte. Verstanden wir uns doch weder als ein Kunstprojekt, noch als ein künstliches Produkt, sondern vielmehr als ein eigenständiges, gewachsenes Reich, ein Konzern, ein Religionssubstitut mit keinerlei Forderungen an oder Lösungsansätze für eine wie auch immer geartete Gesellschaft außerhalb unserer eigenen, jedoch mit der Maßgabe gesellschaftlich Enttäuschte schnell und unbürokratisch aufzunehmen. Doch lassen Sie uns gemeinsam eruieren, wer recht behält. Gegründet im August 1999 stellte tontransfer (mehr: www.tontransfer.de) für uns (Jörg R. Stoffers und Sven Tepperwien) lediglich einen Weg dar, unsere Obsessionen zu verdeutlichen und der wachsenden Flut von Oberflächlichkeit innerhalb des Internetz vehement entgegenzutreten. Kooperationen mit Ähnlichdenkenden blieben nicht aus, so brauchten wir führende Protagonisten der Freizeitgestaltung in Berlin nicht lange zu überzeugen, unserem »Independent Webring Berlin«, einer unkommerziellen Bannerrotation, beizutreten. Trotz oder gerade wegen unserer Weigerung den allgemein gültigen ästhetischen Designvorgaben zu entsprechen, wuchsen wir zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz anderer Netzteilnehmer, beziehungsweise waren Wegbereiter einer anderen Art der Präsentation. Dies auch durch die Möglichkeit für verdiente Mitglieder, sich unter tontransfer auszudrücken (z.B. www.tontransfer.de/zdophers oder www.tontransfer.de/mr-morrow) und durchaus auch andere Meinungen zu vertreten. Nach einiger Zeit stellten wir fest, dass uns diese Form des Seins nicht mehr ausreichte und beendeten die ausschließliche Virtualität. Wir erweiterten unseren Radius und gründeten im September 2001 die Galerie glücksritterliebesspieler (mehr: www.tontransfer.de/gl), eine Gemeinschaft von 3 Individuen (+ Dirk Berger), deren Ausdrucksform recht unterschiedlich, ihre Prämissen sich aber auf beunruhigende Weise nahe sind. Ausgehend von dieser Plattform betrachteten wir eingehend unsere neuen Möglichkeiten und etablierten im November 2001 mit dem Projekt »Bad Kleinen« (mehr: www.tontransfer.de/bk bzw. www.tontransfer.de/bkg) die Antithese zur normalen Abendunterhaltung. Unter Missachtung aller Regeln der neuen Mitte, saßen wir wie ein Stachel im Fleisch eben dieser und wurden rasch zu einer Anlaufstelle der kritischsten Randexistenzen der jenseitigen Gesellschaft, die wir mit offenen Armen in unser Universum aufnahmen und mehr förderten, als ihr bisheriger Staat es vermochte. Dies blieb nicht lange unbemerkt und unsere Veranstaltungen fanden schnell Niederschlag, auch in den bürgerlichen Medien. Um diese Erfolge auch in anderen Städten und Landkreisen umzusetzen, werden wir Interessierten die Möglichkeit bieten, unser Franchising-System zu nutzen und mittels Teilnahme an Seminaren, (keine Studentenermäßigung!) Wissen über das Prinzip »Bad Kleinen« zu erwerben und auf Ihre Heimatstadt anzuwenden. Aber auch Unbeteiligten wollen und müssen wir die Möglichkeit auf ein Leben in der richtigen Lautstärke geben. Zu diesem Zweck tourt seit August 2002 das »BK/SS« (Bad-Kleinen-Soundsystem) durch die kooperationswilligen Clubs dieser Stadt, ein lautstarkes Bild unserer Gemeinschaft zeichnend. Derweil wuchs tontransfer als die Mutter aller Dinge zu dem wesentlichen Informationsorgan der neugewonnen Gemeinschaft, versorgte die Mitglieder mit Ratschlägen zur Verbesserung ihrer Freizeit- sowie ihrer gesamten Lebenssituation, als auch mit den notwendigen Accecoires des täglichen Gebrauchs, wie CDs, T-Shirts und Flyer, um die Identifizierung mit uns und unseren Vorstellungen voran zu treiben. Um einer Isolierung vorzugreifen, preisen sowohl unser email-Newsletter als auch unser wöchentliches Veranstaltungsmagazin (siehe www.tontransfer.de/indexparty.htm) Fremd-Veranstaltungen an, die, durch die freundliche Anteilnahme unserer Gemeinschaft, schnell in die tontransfer-Kooperation assimiliert werden. Auf der Grundlage mehrerer Diskussionen reifte in uns die Gewissheit, etwas Grundlegendes zu vernachlässigen: die Politik. Dies bedeutete gleichzeitig auch, dass wir eine erhöhte Aufmerksamkeit auf die andere Gesellschaft richten mussten, um Schwachstellen zu begreifen und Lösungsansätze zu entwickeln, mit dem Ziel noch Zweifelnde zum Übertritt zu bewegen und schon Eingebürgerten eine grundlegende Vision zu vermitteln. Die »Wählergemeinschaft Gerdmund Schroiber« (mehr: www.germund-schroiber.de dem Bären folgen!) ist das Produkt der Verschmelzung all unserer kulturellen, sozialen und politischen Ambitionen. Seit April 2002 vermengen wir mit Wahlveranstaltungen und Diskursen Kunst, Musik und klassisches Clubbing mit Politik zu einer neuartigen Melange, die es auch dem politikverdrossensten Szenegänger ermöglicht, Einflussmöglichkeiten zu erkennen und zu nutzen. Auch unsere Wahlplakatierungen »Wählt Gerdmund Schroiber« fanden Anklang in der Tagespresse. Die Umsetzung des Hauptziels »Besserung der Lebensumstände für Außenseiter« (Zitat Doc Schoko, Intro, März 2002) hat oberste Priorität. Um auch schon den Kleinsten politische Wahrnehmung möglich zu machen und Rechte und Pflichten innerhalb einer Gesellschaft aufzuzeigen, wird sich die in Bälde erscheinende Kinderfibel »Kellner der Bär« mit den, in der Regel subversiven Abenteuern von Kellner beschäftigen (z.B. »Kellner der Bär auf dem Arbeitsamt«, »Kellner der Bär geht demonstrieren« usw.), um möglichst früh Bewusstsein zu fördern und zu fordern. Unsere gelebte Verantwortung für unsere Gesellschaft vergegenwärtigen wir seit dem Oktober 2001 auch durch die Teilnahme an großbürgerlichen Demonstrationen. Mittels unserer all-purpose-shields »Das macht man nicht!« und »So schon gar nicht!« (zu sehen auf www.tontransfer.de unter kraut&rüben) verleihen wir unserer Forderung Nachdruck, Selbständigkeit zu entwickeln. Da auch wir unsere finanziellen Bedürfnisse (noch) nicht vollkommen ignorieren dürfen, haben wir beschlossen, ab Herbst 2002 eine Trademark in die monetäre Waagschale zu werfen, unsere kapitalistischen Interessen zu bedienen. Nach der griechischen Siegesgöttin Nike benannt, werden wir über diesen Markennamen unterschiedliche Produkte und Dienstleistungen entwickeln und zugänglich machen. Im freien Wettbewerb zu Unrecht unterrepräsentiert, steht dieser Name für unseren ungebrochenen Willen, den Sieg über den Markt davonzutragen. Sie sehen also, dass unsere Form der Auflösung der Ist-Strukturen nicht ihren Anforderungen genügt, die andere Gesellschaft weiterzuentwickeln, sondern nur dem Ziel dient, diese aufzulösen und die akzeptablen Reste in unsere zu integrieren. Sollten sie aber nicht in der Lage sein, einen Gewinner ihres Wettbewerbes zu bestimmen, so leugnen wir nicht, dass eine Spende von 15.000 Euro uns unseren Zielen ein erhebliches Stück näher bringt, zumal wir zur Zeit eine Gesellschaft ohne Raum sind. Mit freundlichen Grüßen Jörg. R. Stoffers (Partner) Tontransfer Tontransfer is neither an art project nor an artificial product, it is more an independently grown empire, a combine, or a religious substitute. While making no demands on or any attempt to solve the problems of society outside of one's own immediate environment, Tontransfer is readily willing to integrate socially disappointed persons rapidly and unbureaucratically. Founded in 1999, Tontransfer began as an independent webring before expanding to include a real space, the gallery glücksritterspiele. Shortly thereafter followed the "Bad-Kleinen-Soundsystem", which is currently touring through cooperative clubs. Tontransfer recently created the "Wählergemeinschaft Gerdmund-SchroiberÓ (a voters' union), a product of the fusion of all cultural, social and political ambitions... |
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